9. Nichts fördert den Terrorismus mehr als die „Antiterrorkriege“ des Westens. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selber ausfechten.
Wir müssen auch den westlichen Angriffskriegern die Maske vom Gesicht reißen. Angriffskriege sind nicht nur die unmoralischste, sondern auch die unintelligenteste Form, Terror zu bekämpfen. Der islamisch maskierte Terrorismus ist eine Ideologie. Ideologien kann man nicht erschießen. Man muss ihnen die Grundlage entziehen, sie widerlegen.
Der radikale Islamismus war zu Beginn des Jahres 2001 weltweit am Ende. Der Traum, die innenpolitischen Probleme des Iran, Afghanistans oder des Sudan durch radikale Islamisierung zu lösen, war zum Albtraum verkommen. Verbittert realisierten die Muslime, dass die rigorosen Mullahs aus ihren Ländern trostlose (Religions-)Polizeistaaten gemacht hatten. Im Blitzkrieg der USA hat das afghanische Volk die Taliban demonstrativ allein gelassen – in der Geschichte Afghanistans ein ungewöhnlicher Vorgang.
Angesichts dieses offenkundigen Scheiterns des radikalen Islamismus war der Angriff von Al-Qaida auf New York und Washington nicht nur ein Racheakt, sondern auch der Versuch eines Befreiungsschlags: Er sollte durch diabolische Kühnheit und geniale mediale Inszenierung den radikalen Islamisten die Sympathien der Massen zurückgewinnen. Er sollte die USA zu einer Überreaktion provozieren, die dem radikalen Islamismus wieder Rückenwind geben würde. Dass die Falken der U.S.-Regierung auf eine solche Gelegenheit gewartet hatten, macht alles noch absurder.
Die Rechnung von Al-Qaida ist voll aufgegangen. Die unzähligen Bomben auf die Häupter talibanmüder afghanischer Zivilisten haben dem am Boden liegenden radikalen Islamismus wieder auf die Beine geholfen. Die Afghanen wollten zwar die von den Geheimdiensten der USA, Saudi-Arabiens und Pakistans geschaffenen Taliban und Al-Qaida gerne wieder loswerden. Aber dass dafür Tausende afghanischer Zivilisten zu Tode gebombt wurden, verstanden sie nicht.
Kein einziger der Terroristen, die das World Trade Center angegriffen hatten, stammte aus Afghanistan oder dem Irak. Sie kamen aus Deutschland, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Libanon und Ägypten. Und um Bin Laden, ihr saudi-arabisches ideologisches Oberhaupt in den Bergen des Hindukusch, auszuschalten, hätte es intelligentere Methoden gegeben als die Bombardierung Kabuls.
So konnte der radikale Islamismus, wie bereits beim sowjetischen Einmarsch 1979, erneut weltweit zum Kampf gegen fremde Invasoren und gegen die eigenen autoritären, prowestlichen Regierungen aufrufen. Die Wahlsiege Ahmadinedschads und der Hamas, der Aufstieg des radikalen Islamismus im säkularen Irak und das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan haben viel mit der Brutalität und Torheit der Antiterrorkriege zu tun. Die radikalen Kräfte im Westen und in der muslimischen Welt haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Letztlich sind Bin Laden und Ahmadinedschad die besten Stichwortgeber George W. Bushs und umgekehrt. Wir müssen dieses tödliche Schaukelspiel so schnell wie möglich beenden.
Der Westen ist nicht legitimiert, überall auf der Welt militärisch gegen radikal-islamische Bewegungen vorzugehen – genauso wenig wie er legitimiert ist, weltweit links- oder rechtsradikale Organisationen militärisch zu bekämpfen. Er hat nicht das Recht, die Welt in ein blutig-chaotisches Schlachtfeld zu verwandeln, um seine Vorstellungen von der Welt durchzusetzen. Westliche Kampftruppen (und deutsche Tornados) haben im Irak, in Afghanistan oder in Somalia nichts verloren. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selbst ausfechten. Auch dort, wo dieser in Terrorismus abgleitet, ist es vorrangig Aufgabe nationaler Kräfte, ihn zu bekämpfen. Sie sollten nur in extremen Ausnahmefällen mit Zustimmung des UN-Sicherheitsrats durch internationale Polizei-Sonderkommandos verstärkt werden.
Der Schaden ausländischer Interventionen ist auch dort, wo ehrliche humanitäre Motive dahinterstehen, fast immer größer als der Nutzen. Man muss das Gute nicht nur wollen, sondern auch erreichen. Der Kampf gegen den Terrorismus wird weder am Hindukusch noch in Bagdad militärisch entschieden. Die Entscheidung fällt in den Herzen der 1,4 Milliarden Muslime, die in Ost und West, Nord und Süd die Politik des Westens genau beobachten. Mit jedem durch westliche Bomben getöteten muslimischen Kind wächst der Terrorismus. Wir versinken jeden Tag tiefer im Sumpf unserer eigenen Politik.
Vor allem der Luftkrieg ist als Mittel der Terrorismusbekämpfung kläglich gescheitert. Bin Laden konnte trotz pausenloser Bombenangriffe aus Tora Bora entkommen, weil sich rund um die Höhlen, in denen er vermutet wurde, mehr Journalisten befanden als amerikanische Soldaten. Fast gleichzeitig konnte Taliban-Chef Mullah Omar auf einem Motorrad die lichten Reihen der amerikanischen Truppen durchbrechen. Tora Bora ist das groteske Symbol der Torheit des Antiterror-Kreuzzuges. Ein bizarreres Slapstick-Finale wäre selbst Cervantes, dem Schöpfer Don Quijotes, nicht eingefallen.
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