Was aus den Menschen wurde


Jürgen Todenhöfer telefoniert regelmäßig mit der Familie von Andy (Andy und Marwa), dem achtzehnjährigen Marine, der am 7. April 2003 vor Bagdad sein Leben verlor.

Da Andy auf dem Ehrenfriedhof in Arlington, Virginia, beerdigt worden war, hatten Unbekannte auf dem Grünstreifen des S Dale Mabry Highway eine zusätzliche Gedenkstätte errichtet. Das „Andy-Memorial“ wurde kurz vor dem Besuch von George W. Bush am 16. Februar 2006 abgerissen. 

Wenig später teilte das Straßenverkehrsamt von Tampa mit, dass man die Gedenkstätte für Andy zusammen mit einigen Reklametafeln beseitigt habe. Chris Carson, Sprecher des Florida-Verkehrsdienstes, erklärte laut St. Petersburg Times: „Es war ein Missverständnis, wir waren uns nicht bewusst, dass wir die Gedenkstätte abgerissen hatten, bis sie plötzlich auf der Ladefläche eines unserer Transportwagen auftauchte." Norma und Oscar verstehen bis heute nicht, warum Andys Memorial drei Jahre lang keine Gefahr für den Straßenverkehr darstellte und erst kurz vor dem Besuch des amerikanischen Präsidenten zu einer solchen wurde.

Erst im Oktober 2006 brachten Norma und Oscar die Kraft auf, die Kiste mit Andys letzten Habseligkeiten zu öffnen, die ihnen die Marines schon lange vorher geschickt hatten. Sie fanden folgenden Abschiedsbrief:

„Liebe Familie, wenn ihr diesen Brief lest, ist leider das Schlimmste eingetreten. Ich möchte, dass ihr wisst, dass ich mein Bestes gegeben habe. Ich weiß, ich bin noch viel zu jung. Aber manche müssen diese Welt eben früher verlassen, weil ihre Zeit abgelaufen ist. Ich lebe jetzt in einer besseren Welt. Aber ich werde immer bei euch sein. Eines Tages werden wir wieder zusammen sein. Ich liebe euch, euer Andy.“

Marwa


Der inzwischen sechzehn Jahre alten Marwa, die am Tag von Andys Tod bei einem amerikanischen Bombenangriff ihr rechtes Bein verloren hatte – ihre Schwester Azra war dabei getötet worden -, hat Jürgen Todenhöfer ein kleines Haus in Sadr-City, einem Stadtteil im Osten Bagdads, gekauft. Er wollte sie und ihre Familie aus der Umgebung von Sabah Qusur, einem noch ärmeren Viertel Bagdads, herausholen.

Wie viele irakische Kinder geht auch Marwa nicht mehr zur Schule. Sie hat im Februar 2008 eine neue Prothese bekommen, die Jürgen Todenhöfer mit dem Honorar von "Warum tötest Du, Zaid?" finanziert hat.

 

Auf Vorschlag der International Organisation for Migration (IOM) hat Jürgen Todenhöfer Marwa außerdem etwas Geld zur Verfügung gestellt, damit sie einen kleinen Lebensmittelladen eröffnen kann. Da Sadr-City von der Mahdi-Army Muktada al-Sadrs kontrolliert wird, musste die Einrichtung des Ladens heimlich in einem Krankenwagen zu Marwas Haus geschmuggelt werden.

Ihre Familie wurde weiter vom Unglück verfolgt. Marwas ältester Bruder Ahmed ertrank im Euphrat. Marwas Mutter Faleeha, die früher immer so fröhlich lachen konnte, lacht nur noch selten.

Abdul


Abdul, den Jürgen Todenhöfer 2003 in seinem Buch Wer weint schon um Abdul und Tanaya? beschrieben hatte, geht es gut. Dem 1984 im pakistanischen Peshawar mit schwersten Verbrennungen im Sterben liegenden zwanzigjährigen Jungen hatten Tübinger Ärzte in zahllosen Operationen das Leben gerettet. Abdul lebt heute in Mehtar Alam, südöstlich von Kabul. Er ist stolzer Vater von sechs Kindern, drei Söhnen und drei Töchtern.

Der „Verein für Afghanistan-Förderung“ überwies ihm in den letzten Jahren regelmäßig einen kleinen Geldbetrag aus den Zinsen eines Sonderkontos, das ohne Abduls Wissen für ihn eingerichtet worden war, und das von Professor Bernd Domres, einem Tübinger Unfallchirurgen, verwaltet wurde. Domres hatte Abdul 1984 mit einem Jet der Deutschen Rettungsflugwacht in einem abenteuerlichen Flug von Peshawar nach Deutschland gebracht.

Abdul verdient heute seinen Lebensunterhalt mit einem kleinen Laden, in dem man alles Mögliche kaufen kann. Wegen seines Kinderreichtums platzt sein kleines Haus aus allen Nähten. 2007 hat Todenhöfer ihm daher den größten Teil des Sonderkontos übergeben, damit er endlich sein Haus und seinen Miniladen vergrößern kann.

Tanaya


Tanaya, die Jürgen Todenhöfer 2003 kurz vor Kriegsbeginn besucht hatte, geht es nicht ganz so gut. Sie ist inzwischen zwanzig Jahre alt und lebt bei ihrer Tante im Bagdader Stadtteil Al-Karkh. Auch Tanaya besucht die Schule nicht mehr, weil der Schulweg zu gefährlich ist. Todenhöfer hat ihr ebenfalls etwas Geld zur Verfügung gestellt, damit auch sie sich ein kleines Geschäft aufbauen kann.

Anfang 2007 hatte er das verfallene Haus ihrer Tante im Stadtteil Al-Fadhel renovieren lassen. Da diese Gegend jedoch besonders heiß umkämpft ist, mussten Tanaya und ihre Tante das frisch renovierte Haus wieder verlassen und nach Al-Karkh umziehen. Das renovierte Haus steht jetzt leer. Tanayas Zukunftsaussichten sind düster. Sie ist arm und hat keine Ausbildung. Ihr Traum, einmal Ärztin zu werden, ist zu Ende.