Aus dem Kapitel: Zaid und der „doppelte Übersteiger“

Zaid sitzt mir schweigend gegenüber. Er ist ein gut aussehender Junge. Wahrscheinlich weiß er das, denn wenn er mit seinen Cousinen spricht, setzt er seinen Charme gezielt ein. Aber ich spüre, dass er damit etwas überspielen will. Denn immer wenn er sich unbeobachtet glaubt, sind seine Augen traurig und nachdenklich. Sein Sunnyboy-Lachen ist das Lachen eines jungen Mannes, der verzweifelt versucht, in diesem irrsinnigen Krieg nicht den Verstand zu verlieren.

Ich muss unbedingt seine Geschichte erfahren. Aber Zaid möchte nichts erzählen. Er will seine Familie nicht gefährden, er will nicht nach Guantánamo auf Kuba und auch nicht in die Guantánamos des Irak. Auch von dem, was er und seine Familie erlitten haben, mag er nichts preisgeben. Ich rede eine halbe Stunde auf ihn ein, aber ich merke, dass er nicht kann und nicht will.

Abu Saeed, der unsere Diskussion schweigend verfolgt hat, legt den Arm um seine Schulter und sagt: „Lassen Sie ihm etwas Zeit. Er muss darüber schlafen. Vielleicht wird er Ihnen morgen seine Geschichte erzählen. Er muss mit seinem Vater sprechen. Es geht ja nicht nur um ihn. Außerdem werden Sie – wie gewünscht – noch viele andere Widerstandskämpfer kennen lernen.“

„Ich weiß“, nicke ich, „aber ich will keine Geschichte, die man für mich ausgesucht hat. Ich will die Geschichte von Zaid.“ Abu Saeed schaut mich lächelnd an. „Haben Sie etwas Geduld. Sie werden seine Geschichte bekommen – Inshallah.“

Dann begleiten wir Zaid, der nach Hause möchte, zum Hoftor, und Abu Saeed wendet sich  wieder seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Telefonieren, zu. Er führt auf seinem großen alten Handy mehrere Gespräche. Offenbar auch mit dem Vater von Zaid, denn mehrfach fällt dessen Name.