Zaid spricht heute sehr langsam, fast bedächtig. Er versucht erkennbar, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Immer wieder atmet er tief durch, macht Pausen, presst die Lippen zusammen.
Zaid ist der älteste von drei Brüdern. Haroun ist ein Jahr jünger als er, Karim zwei Jahre. Im Juli 2006 verbringt Haroun einige Nächte bei seinem Onkel im Zentrum von Ramadi. Haroun, der damals neunzehn Jahre alt ist, studiert Ingenieurwissenschaften. Er hat Semesterferien und genießt diese, so gut das in diesen Kriegszeiten eben geht.
Mit dem Widerstand hat er wie seine beiden Brüder wenig zu tun. Er hilft, wie alle Jugendlichen von Ramadi, den Widerstandskämpfern, wenn sie einen Unterschlupf suchen oder eine Information brauchen. Von sich aus aktiv wird er nicht.
Am 14. Juli 2006 macht sich Haroun früh morgens im Haus seines Onkels auf, um zu seiner Familie nach Al-Sufia zurückzukehren, bevor es zu heiß wird. Es ist kurz nach sieben Uhr, als er in die kleine Straße einbiegt, in der seine Familie wohnt. Er kickt einen kleinen alten Ball vor sich her, den er irgendwo gefunden hat.
In der rechten Hand trägt er eine weiße Buschrose, die er im Morgengrauen für seine Mutter gepflückt hat. Einem Nachbarjungen, Jarir, der ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite entgegenkommt, ruft er ein freundliches Salam – Friede – zu.
Genau in diesem Augenblick – Haroun hat gerade das Wort Salam ausgesprochen – peitscht ein Schuss durch die Straße. Haroun fasst sich ungläubig an den Hinterkopf, geht wie in Zeitlupe in die Knie und fällt vornüber mit dem Gesicht in den Staub.
Leblos bleibt er im Dreck der Straße liegen. In seiner rechten Hand hält er die kleine weiße Rose, die er seiner Mutter schenken wollte.
Jarir hat sich blitzschnell in den Eingang eines verfallenen Hauses gerettet. Dort bleibt er stundenlang regungslos sitzen. Er sieht, wie eine Stunde später ein städtischer Feuerwehrwagen Harouns Leiche auflädt und wegfährt. Feuerwehrautos sind die einzigen Fahrzeuge, die in der Innenstadt fahren dürfen. Selbst auf Krankenwagen wird im Stadtzentrum sofort geschossen. Feuerwehrfahrzeuge sind inzwischen alles in einem: Löschwagen, Krankenwagen, Leichenwagen.
Auch andere Bewohner der Straße haben den Schuss gehört. Aber niemand wagt sich aus dem Haus, aus Angst, selbst Opfer der amerikanischen Scharfschützen zu werden.
Erst am Nachmittag traut sich Jarir aus seinem Versteck und rennt zu Zaids Haus. Nachdem er dort, völlig außer Atem, von Harouns Tod berichtet hat, ist das Haus von Schreien der Verzweiflung, der Trauer und der Wut erfüllt. Weinend und klagend liegt sich die Familie in den Armen. Haroun soll tot sein, das kann nicht sein. Sie haben ihn doch gestern noch bei seinem Onkel getroffen.
Dann zieht die ganze Familie los, um Haroun in der Leichenhalle des Viertels ein letztes Mal zu sehen, die Beerdigung vorzubereiten und ihm ein letztes Adieu zu sagen. Aber als sie ankommen, ist Haroun längst bestattet. Ohne städtischen Strom stehen der Leichenhalle keine Kühlräume zur Verfügung. Deshalb werden die vielen Toten, die täglich angeliefert werden, so schnell wie möglich beerdigt.
Es gibt keinen Abschied. Nicht einmal an den für die Bestattung vorgesehenen Gebeten kann die Familie teilnehmen – wenn es denn überhaupt welche gegeben hat. Schluchzend gehen sie nach Hause. Zaids Eltern, seine zwei Schwestern Lamya und Maysun sowie Zaid und Karim halten sich fest umschlungen.
Zaid hat aufgehört zu erzählen. Ich spüre, dass er eine Pause braucht. Er hat seine Augen mit beiden Händen bedeckt, um seine Tränen zu verbergen. Sein ganzer Köper wird von Krämpfen geschüttelt. Ich stehe auf und lasse ihn einige Minuten allein. Als ich sehe, dass er seine Fassung wiedergefunden hat, setze ich mich wieder zu ihm. Mit müdem Gesicht fährt er fort.
Obwohl die Trauer um Haroun ihn und seinen achtzehnjährigen Bruder Karim in den kommenden Wochen unendlich bedrückt, beschließen die beiden, sich auf ihr Studium zu konzentrieren. Karim hat gerade Abitur gemacht und will Agrarwissenschaften studieren.
In diesen Wochen wachsen Zaid und Karim noch enger zusammen. Zaid nimmt ihn zum Fußball mit und sorgt dafür, dass sie möglichst immer in derselben Mannschaft spielen. Manchmal verzichtet er sogar auf seinen Lieblingssport und geht mit Karim im Euphrat schwimmen. Karim ist begeisterter Schwimmer.
Als im Herbst das Studium wieder beginnt, richtet es Zaid immer so ein, dass beide ihre Bücher und Schriften nachmittags gemeinsam durcharbeiten können. Wenn Karim mit leeren Augen in die Ferne starrt, weiß Zaid, dass er an Haroun denkt. Zaid erzählt ihm dann irgendeine lustige Geschichte.
So vergehen die Wochen und Monate. Anfang 2007 kommt es in Ramadi wieder zu schweren Kämpfen. Das Haus von Zaids Vater bleibt glücklicherweise verschont. Am Abend des 5. Januar jedoch schlägt eine von einem amerikanischen Hubschrauber abgefeuerte Rakete direkt neben dem Gebäude ein. Sie zerstört den Generator, der ihr Haus und einige Nachbargebäude mit Strom versorgt.
In Panik springt die Familie auf. Geduckt rennen alle, so schnell es geht, aus der Kampfzone zum Haus eines Onkels, der nur wenige hundert Meter entfernt in einer Querstraße wohnt. Als sie atemlos dort ankommen, fällt ihnen ein, dass sie vergessen haben, den mit Kerosin betriebenen Heizofen abzustellen. Karim beschließt, noch einmal zurückzulaufen. Er öffnet die Tür und schaut vorsichtig nach links und rechts, um zu sehen, ob die Luft rein ist. Dann läuft er los.