Aus dem Kapitel: Zaids Träume
Danach setze ich mich in eine schattige Ecke des Gartens und mache mir Notizen. Plötzlich klopft mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um und sehe in das Gesicht von Zaid. „Sie wollten mich sprechen“, sagt er leise und etwas verlegen.
Zaid trägt blaue Jeans, ein verwaschenes rotes T-Shirt und imitierte Adidas-Turnschuhe. In der linken Hand hält er verdeckt, fast wie ein Schuljunge, eine Packung Gauloises syrischer Produktion. Als Al-Qaida noch in Ramadi wütete, war Rauchen verpönt und gefährlich.
Zaid ist um sechs Uhr in seinem Viertel Al-Sufia aufgebrochen. Früher benötigte man von dort nach Al-Dschasira fünfzehn Minuten. Jetzt braucht man, mit all den Straßensperren und Kontrollen, zweieinhalb Stunden. Zaid hat mit seinem Vater gesprochen. Er hat ihm erlaubt, mir seine Geschichte zu erzählen. Langsam und leise beginnt Zaid seinen Bericht.
Er kam 1986 während des irakisch-iranischen Kriegs zur Welt. Sein Vater Mohammed und seine Mutter Amira besitzen in Al-Sufia ein kleines Lebensmittelgeschäft. Sie brachten die Familie einigermaßen gut durch die schweren Kriegsjahren und die Zeit der Sanktionen. Zu essen gab es immer etwas, und wenn es nur Brot war.
Nach dem Zweiten Golfkrieg, den der Irak 1991 nach seinem Angriff auf Kuwait gegen eine von den USA geführte multinationale Streitmacht verlor, wurden die Zeiten härter. Die Wirtschaftssanktionen lasteten schwer auf der Familie. Nur selten konnten seine Eltern Gemüse oder Fleisch für die siebenköpfige Familie ergattern.
Die Eltern litten nach Zaids Erinnerung viel mehr als ihre drei Söhne und zwei Töchter. Wenn sie etwas Gutes zu essen auftreiben konnten, gaben sie es ihren Kindern. Sie mussten jetzt doppelt so hart arbeiten wie früher, um die Familie über Wasser zu halten. Zaid erzählt, dass in der Nachbarschaft mehrfach Kleinkinder gestorben seien, weil aufgrund der Sanktionen des UN-Sicherheitsrats die medizinische Versorgung des Landes zusammengebrochen und auch die Ernährung miserabel war.
Als am 11. September 2001 Al-Qaida-Terroristen Passagierflugzeuge ins World Trade Center steuern, ist Zaid fünfzehn Jahre alt. Wenige Wochen danach wird im Fernsehen erstmals über eine Verbindung des Irak zu Al-Qaida spekuliert. Man diskutiert über die Möglichkeit eines amerikanischen Kriegs nicht nur gegen Afghanistan, sondern auch gegen den Irak.
Zaid hält das für blühenden Unsinn. Er kennt niemanden in seiner kleinen Welt, der überhaupt weiß, was Al-Qaida sein soll.
Dass der Irak trotz Wirtschaftssanktionen und jahrelanger UN-Inspektionen Massenvernichtungswaffen haben soll, ist für ihn absurde Propaganda der USA. Wie soll der Irak, „das am strengsten überwachte Land der Welt“ – wie Zaid den Irak des Jahres 2001 nennt –, Massenvernichtungswaffen produzieren? So etwas Dummes könne doch keiner glauben. Auch im Westen werde dem Irak das niemand ernsthaft unterstellen. So töricht und böswillig könne man nicht sein. Deshalb ein Krieg – völlig undenkbar! Irgendwann muss es ja auch für sein Land Gerechtigkeit geben.
Als der Krieg im März 2003 dennoch ausbricht, ist Zaid fest davon überzeugt, dass der Irak gewinnen werde. Er glaubt Saddam Hussein, der mehrfach gesagt hatte, die USA hätten gegen den Irak keine Chance. Er nimmt an den täglichen Bittgottesdiensten teil, in denen die Menschen von Ramadi um göttlichen Beistand flehen. Stunden sitzt er mit seinen Freunden vor dem Fernseher und verfolgt die Kriegsberichterstattung.
Als ein heftiger Sandsturm den amerikanischen Vormarsch einige Tage lang stoppt, denkt er, die Wende sei gekommen. Wenigstens Gott sei aufseiten der Iraker. Er nimmt dem Sprecher der irakischen Regierung, Mohammad Said al-Sahhaf, jedes Wort ab, wenn dieser erklärt, Bush, Blair und Rumsfeld seien „ein komisches Trio“. Gott werde sie „in der Hölle von Irakern braten lassen“.
Die Besetzung Ramadis sei in Etappen erfolgt. Erst hätten die US-Truppen die großen Verkehrskreuzungen besetzt, dann die wichtigsten Gebäude, dann seien einige Straßen gesperrt worden, und schließlich sei die Stadt in einzelne, streng voneinander getrennte Viertel aufgeteilt worden.
Die irakischen Truppen seien einfach nach Hause gegangen. Ihre Uniformen hätten sie versteckt. Alle Armeeangehörigen und Mitarbeiter des Sicherheitsapparats seien von den Amerikanern entlassen worden und von heute auf morgen arbeitslos gewesen. Viele hätten sich direkt dem Widerstand angeschlossen, mit all ihren Waffen und ihrer Erfahrung. Andere seien ins Ausland geflohen.
Das Leben der Bevölkerung von Ramadi sei von Tag zu Tag schwieriger geworden. Immer wieder hätten amerikanische Flugzeuge angebliche Widerstandsnester bombardiert und ganze Familien ausgelöscht. Auf den Gebäuden der Stadt hätten amerikanische Scharfschützen auf alles geschossen, was ihnen verdächtig vorkam. Meist hätten sie nur Unschuldige erwischt. Widerstandskämpfer wüssten in der Regel, wie sie sich verhalten müssten, um nicht ins Visier von Scharfschützen zu geraten.
Mit achtzehn Jahren, im Juni 2004, macht Zaid Abitur. Sogar recht ordentlich. Er will im Herbst an der Anbar-Universität in Ramadi wie sein Onkel Abu Saeed Geschichte studieren und dann Lehrer werden. Zaid kennt alle Lausbubentricks, weil er selbst einer war. Ihm wird keiner etwas vormachen. Er möchte junge Menschen zu tüchtigen, selbstbewussten Bürgern erziehen und ihnen zeigen, dass es sich lohnt zu leben. Er freut sich sehr auf seinen späteren Beruf.
Daher habe er sich auch nicht aktiv im Widerstand engagiert, erzählt Zaid. Er interessiere sich eigentlich nicht für militärische Dinge, sondern viel mehr für Geschichte. Außerdem habe er seine Familie nicht gefährden wollen. Seine beiden Brüder Haroun und Karim hätten sich genauso verhalten. In seiner Familie gebe es keine militärische Tradition.
Bis das Schicksal im Juni 2006 auch in seiner kleinen Familie zuschlägt. Zaid fährt sich mit der linken Hand über die Augen, um seine Gefühle zu verbergen. Mit der rechten Hand beginnt er hilflos auf den Rasen zu schlagen.







